Entwicklungs- und Baugeschichte der Frankfurter Küche


Die Küche gehört zu den berühmtesten Küchentypen der Kulturgeschichte und ist einer der maßgeblichen Repräsentanten der wegweisenden Lebensreform der Klassischen Moderne in den 1920er Jahren. Die Designgeschichte findet in ihr die erste Umsetzung der Einbauküche und einer konsequent ergonomisch entworfenen Innenraumkonzeption. Vorbild vor allem der konsequenten räumlichen und funktionalen Konzentration waren die modulartigen Kochabteile in den Speisewagen der 1916 gegründeten Mitropa AG (Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen Aktiengesellschaft). Die Ausstattung dieser 1,83 x 1,95 m großen Kochkabine erlaubte es, 100 Personen mit Sechs-Gänge-Menüs zu bewirten.


Die ersten Küchen wurden im Mai 1926 in den Siedlungen Praunheim, Bruchfeldstraße und Ginnheim realisiert. Die Basisversion der Frankfurter Küche mit kompletter Ausstattung kostete schließlich ca. 280 RM, umgerechnet etwa 1.900 €.(1) Es soll bis zu dreißig Varianten gegeben haben,(2) die von unterschiedlichen Betrieben wie bspw. der Frankfurter Möbelschreinerei Georg Grumbach oder auch städtischen Werkstätten mit Arbeitslosen produziert wurden. Die frühen Farben der Einbauküchen waren eher dunkel und gedeckt – Töne in Grau, Taubenblau, Graugrün oder Rotbraun -, die nach 1928 eingesetzten deutlich heller – Gelb, Türkis und Tomatenrot oder (nach Befund der Detmolder Küche) auch Elfenbein.(3)


(1) So: Renate Allmayer-Beck, Realisierung der Frankfurter Küche, in: Noever (1992), S. 20-23, hier S. 20.

(2) Siehe: Flagmeier (2012), S. 14.

(3) Zu den Farbtönen siehe: Astrid Debus-Steinberg, Taubenblau, Graugrün, Gelb und Türkis, in: Flagmeier (2012), S. 61-71, hier S. 66.


Konzeption und Bedeutung der Frankfurter Küche


Nachdem Ernst May 1925 von der Stadt Frankfurt am Main mit einem Wohnungsbauprogramm zur Linderung der Wohnungsnot beauftragt worden war, ergab sich die Notwendigkeit der Modernisierung und Neukonzeption der Interieurs mit Innendisposition, wandfestem Innenausbau und Standard-Möblierung, sowohl um die enorme Zahl an Wohnungen planerisch und auch finanziell bewältigen zu können, als auch um dem neuen Bewohnertyp und seinen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Da die 1920er Jahre eine der sich schnell entwickelnden modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft entsprechende neue Art Leben und Wohnen erzeugten, musste die neue Wohnung oder das moderne Einfamilienhaus einfach und ergonomisch, hygienisch und praktisch sowie auf eine Kleinfamilie ohne oder mit maximal einer Haushaltshilfe eingerichtet sein.


Um den zentralen Bereich der Hauswirtschaft, die Küche, diesbezüglich neu zu denken entwickelte die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky 1926 im Auftrag Ernst Mays eine in allen Aspekten innovative Küche für das ‚Neue Frankfurt’ und seine über 10.000 Wohneinheiten – Arbeitsstelle war die Typisierungsabteilung des Hochbauamts Frankfurt am Main. Sie sollte günstig herzustellen und hygienisch zu nutzen sein, alle notwendigen Funktionen wie Kochen, Einkochen, Lagern, Bügeln etc. aufnehmen, die körperliche Arbeit in ihr erleichtern und durch optimierte Funktionalität und Rationalisierung der Arbeitsabläufe die Tätigkeit der Hausfrau auf das Minimum reduzieren.


Basierend auf Untersuchungen der amerikanischen Wohnreformerin Christine Frederick und mit dem Vorbild der Mitropa-Speisewagen-Küche hielt neben dem Zwang zur rigiden Kostenreduktion nun die Ergonomie als primärer Planungsparameter in die Küchenkonzeption Einzug. In Bezug auf den Grundriss bedeutete die Verringerung vom vormaligen 20 qm-Bedarf einer üblichen Wohnküche für 5 Personen auf 6 qm inklusive eingebauter Möbel letztlich einen Flächengewinn von 35-40%, der beispielsweise bei den schmalen Grundrissen der Einfamilien-Reihenhäuser die Einrichtung von zwei großen Wohnräumen im Erdgeschoss erlaubte.


Schütte-Lihotzky entwarf eine Einbauküche aus Holz, reinigungsfreundlich lackiert, mit ergonomisch angeordneten Arbeitsflächen und Lagerfächern, gut mit Tageslicht belichtet und leichtgängig an die Wohn- und Kellerräume angeschlossen, ausgestattet mit Kalt- und Warmwasser, elektrischem Herd und Beleuchtung sowie Möglichkeiten der Kühlung und des Nachgarens (Kochkiste). Der Verzicht auf Rückwände bei Einbauelementen, die unproblematische Nutzung günstiger Weichholzbauteile sowie die Massenfertigung erlaubte eine größtmögliche Reduzierung der Gesamtkosten pro Küche. Eine weitere Kostenersparnis erzeugte die Beschränkung des Anstrichs auf die reinen Außenflächen. Zudem wurde damit vermieden, dass sich Schub- und Schiebeläden sowie Türen wegen zu dicker Farbschichten (späteres Überstreichen der Küche) an den Innenseiten schlecht oder nur noch partiell schließen ließen.  


Aufgrund unterschiedlicher Haus- und Wohnungsgrundrisse, die im Kontext der Frankfurter Siedlungsbauten mit dem neuen Küchenkonzept ausgestattet werden sollten, mussten sowohl unterschiedliche Größen als auch Grundrissanordnungen entwickelt werden. Zum einen lagen die Küchen einmal zum Garten, dann zur Straße hin, zum anderen waren je nach Haus die angrenzenden Räume (Flur, Esszimmer) an unterschiedlichen Stellen durch Türen anzuschließen. Außerdem bestimmte die Lage des Schlotes die Position des Herdes. Dies bedingte jeweils eine spezifische Organisation der Bauelemente. Eine maßgebliche Typologie bildet sich jedoch durch die Divergenzen beim Umfang der Küche, die sich an der Größe von Wohngrundriss und Haushalt orientieren musste. Dies wurde deutlich, als das Frankfurter Hochbauamt 1927 auf der Frankfurter Frühjahrsmesse die Ausstellung ‚Die neue Wohnung und ihr Innenausbau’ präsentierte und drei Varianten der Küche vorstellte:




Typ 1: Die Küche für einen Haushalt ohne Haushaltshilfe.


Sie wurde aufgrund ihrer konsequent raumökonomischen und funktionsoptimierten Konzeption zum Inbegriff der modernistischen Einbauküche, der ‚Frankfurter Küche’ schlechthin. Eingesetzt wurde sie in Kleinwohnungen aber auch in 3-Zimmer-Einfamilien-Reihenhäusern. Der Grundriss umfasste in der Musterküche 1,90 x 3,44 m, variiert aber. Bei der Detmolder Küche mit anderer Anordnung sind es beispielsweise 2,01 x 3,04 m.


Typ 2: Die Küche für einen Haushalt mit einer Haushaltshilfe.


Sie besitzt eine Durchreiche, sodass die Familie im benachbarten Speisezimmer für sich essen kann, beziehungsweise in den Wohnräumen durch die Küchentätigkeit während des Tages nicht gestört wird, während die Haushaltshilfe die Speisen vorbereitet und anrichtet. Sie erhält dort auch einen kleinen Sitzplatz in der Ecke zum Ausruhen und Essen. Ansonsten sind Platzbedarf und Ausstattung mit Nr. 1 vergleichbar. Eingesetzt wurde dieser Typ in größeren Reihenhäusern.


Typ 3: Die Küche für einen Haushalt mit zwei Haushaltshilfen.


Sie besteht aus der idealen Konfiguration: aus einer vom Flur aus erschlossenen Küche (2,80 x 3,05 m) mittig, der unbeheizten Speisekammer (1,20 x 2,77 m) rechts und einer beheizten Anrichte links (2,00 x 3,05 m), deren Tür in das Esszimmer führt. Alle Räume besitzen große Fenster für das Tageslicht, sowie einen kompletten festen Wandausbau. Während die Köchin in Küche und Speisekammer arbeitet, ist das Hausmädchen beim Anrichten und Auftragen der Speisen in der Anrichte tätig, die mit dem Speisezimmer verbunden ist. Die Speisen erhält sie über eine Durchreiche aus der Küche.


1926

DIE KÜCHENREVOLUTION

FRANKFURTER KÜCHE / DAS DETMOLDER EXEMPLAR / DIE REKONSTRUKTION

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