2. Überprüfung des Bestands (Designsammlung Detmold, Archiv-Nr.: 192804)  


Beim Ausbau 1995 wurden die einzelnen Bauteile sowie weitere Ausstattungselemente der Küche dokumentiert. Während der nicht mehr der Einbauzeit zugehörige Herd entgegen der Ankündigung nicht mehr nachgeliefert wurde, ergänzten die Spender die Küche aus Gründen besserer Dokumentation um einen Satz Aluminiumschütten, ein weiteres, blaues Bügelbrett sowie eine zweite Spüle anderer Bauart aus dem Ausbaumagazin der Römerstadt. Die zwei vermerkten Zimmertüren samt Klinke/Schloss sind im Museumsmagazin nicht (mehr) vorhanden. Beigegeben waren einzelne Fliesen des Wandfliesenspiegels und Steinplatten der Sockelverkleidung. Der Bodenbelag aus Solnhofer Naturbodenplatten konnte nicht materialmäßig belegt werden. Auch die Bemerkung die „Originalfarbe der Küchen war Mittel-Blau“ entsprach in ihrer Ausschließlichkeit nicht der Wahrheit (1) und ließ sich auch auf dem Detmolder Exemplar nicht verifizieren.


(1) Wie unlängst von Astrid Debus-Steinberg dargestellt – siehe: Flagmeier (2012), S. 60-73.


Rekonstruktion


1. Aufbau der vorhandenen Bauteile in einer ‚Raumlabor’-Kiste im 1. Obergeschoss des Riegelbaus auf dem Detmolder Campus.

1926

DIE KÜCHENREVOLUTION

FRANKFURTER KÜCHE / DAS DETMOLDER EXEMPLAR / DIE REKONSTRUKTION

3. Bauaufnahme des status quo der Einbaumöbel


Im Laufe ihrer Lebenszeit von nahezu 70 Jahre wurde die ohnehin schon einfachst gefertigte Küche als intensiv genutzter Arbeitsraum einerseits materialmäßig und konstruktiv gefordert und dabei durch mechanische Abnutzung, Feuchtigkeit und Verschmutzung in Mitleidenschaft gezogen, was Veränderungen ihres Originalzustandes nötig machte, sie erforderte auch Modifikationen der Ausstattung. So wurden die abgenutzten Arbeitsoberflächen neu belegt, die blockartigen Holzgriffe durch Aluminiumschalen ersetzt, das Schüttenfach zu einem weiteren Schrankabteil umgebaut, im Topfschrank Bretter eingesetzt, das Ablaufbrett ausgetauscht, ein neues Schüttenregal angeschraubt und sicher weitere, heute nicht mehr bekannte Ausstattungsveränderungen vorgenommen. Zudem wurde die gesamte Küche mehrfach überstrichen, zum Teil auch in den Korpussen, wo es ursprünglich keine Farbe gab.


Deshalb war es unverzichtbar, vor dem Wiederaufbau der Küche, der Veränderungen bedingen würde, den Zustand zu dokumentieren, wie er 1995 magaziniert worden war.



Bestandsliste 1995 (die Nummerierung bezieht sich auf Grundriss und Aufrisse – s.o.)



Impressum

Umgebautes Schüttenfach mit Alugriffen (1950er Jahre) und Kleberesten

auf dem Linoleum



Veränderungen der 1950er Jahre: kleines Schüttenregal für Kunststoffschütten, grüne Linoleumplatten für die Arbeitsoberflächen (Foto: Ihle)



Für die Erfassung des erhaltenen Zustands und für die Darstellung und ergonomische Analyse des funktionalen Konzepts der ‚Frankfurter Küche’ wurden die Bauteile/Korpusse der Einbauküche vermessen und computerbasiert gezeichnet.




4. Recherche  


Da sich die Fachliteratur nahezu ausschließlich auf die Baugeschichte der Siedlungen des ‚Neuen Frankfurts’ und in Bezug auf die Innenausstattung der Häuser nur mit der zeitgenössisch publizierten sogenannten ‚Musterküche’ bezieht, war es notwendig, sich die restaurierten ‚Frankfurter Küchen’ anzusehen und mit den Museen/Institutionen in Kontakt zu treten: Frankfurt am Main (die einzige am Originalstandort), Berlin, Wien ... Unverzichtbar war auch der Austausch mit Astrid Debus-Steinberg in Stuttgart, die diese Küchen seit Jahrzehnten sammelt und rekonstruiert und bei der letztlich alle spezifischen Informationen international zusammenlaufen. Sinnvoll und oft mit ungeahnten Impulsen verbunden sind Besuche bei Anbietern von historischen Baustoffen, wie dem Berliner Fachmann für historische Installationen und Heizanlagen, Wolfgang Obereisenbuchner (www. grünherz.de).   



in situ-Fotografie einer vergleichbaren Küche der Römerstadt unmittelbar vor dem Ausbau der Originalküche

(© Astrid Debus-Steinberg, SGKD)



Literatur:


FLAGMEIER, Renate / Werkbundarchiv (Hg.), Die Frankfurter Küche. Eine museale Gebrauchsanweisung (Schaukasten #1), Berlin 2012.


FREDERICK, Christine, Die rationelle Haushaltsführung. Betriebswirtschaftliche Studien (Originalausgabe: The New Housekeeping. Efficiency Studies in Home Management, Garden City (Doubleday) 1913), Berlin (Springer Verlag) 1921.


KLOTZ, Heinrich (Verantw.), Ernst May und das Neue Frankfurt 1925-1930, Katalogbuch Architekturmuseum Frankfurt am Main, Berlin (Wilhelm Ernst & Sohn) 1986.


LIHOTZKY, Grete, Der neuzeitliche Haushalt. Die Ausstellung bei der Frankfurter Frühjahrsmesse, in: ‚Der Baumeister’ 7.1927, Beilage.


LIHOTZKY, Grete, Rationalisierungen im Haushalt, in: ‚Das Neue Frankfurt’ 5.1927, S. 120-123.


MAY, Ernst, Wohnungspolitik der Stadt Frankfurt am Main, in ‚Das Neue Frankfurt’ 5.1927, S. 93-104.


MEYER, Erna, Der neue Haushalt, Stuttgart 1926.


MEYER, Erna, Wohnungsbau und Hausführung, in: Der Baumeister’ 6.1927, S. 89.


MIKLAUTZ, Elfie / LACHMAYER, Herbert / EISENDLE, Reinhard (Hg.), Die Küche. Zur Geschichte eines architektonischen, sozialen und imaginativen Raums, Wien 1999


NOEVER, Peter (Hg.), Die Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky, Katalogbuch MAK Wien, Berlin (Ernst & Sohn) 1992.


OTTILLINGER, Eva B., Küchen & Möbel. Design und Geschichte, Wien (Böhlau) 2015.


RINKE, Bettina / KLEINMANNS, Joachim, Küchenträume. Deutsche Küchen seit 1900, Katalogbuch Lippisches Landesmuseum Detmold, Detmold 2004.


Film:

WOLF, Paul, Arbeitssparende Haushaltsführung durch Neues Bauen, Film, im Auftrag des Hochbauamtes Frankfurt/M., 1927.

.

   








Rekonstruktionsleitende Feststellung:


Das Detmolder Exemplar ist eine in den Hauptelementen des Einbausystems nahezu komplett und deren jeweiligen Zuständen gut erhaltene ‚Frankfurter Küche’. Sie dokumentiert die Ausbausituation von 1995 und damit viele kleine und größere Veränderungen wie mehrfache Komplettanstriche, den Ersatz von Schiebetüren aus Originalbestand, die Entfernung von Griffen und Schütten und deren Ersatz in den 1950er Jahren sowie den Austausch der Arbeitsplatte und die Überklebung von Originaloberflächen. Außerdem gingen Ausstattungselemente wie der Herd und das Abtropfbrett verloren, bei anderen ist nicht mehr bekannt, ob diese spezifische Küche über sie verfügte: Kochkiste, Tellertrockenregal, verschiebbare Deckenleuchte.


Die Tatsache aber, dass es keine gesicherten Kenntnisse über die jeweilige Fassung und Ausstattung der in vielen Varianten installierten ‚Frankfurter Küchen’ gibt, sowie die damit in Zusammenhang stehende weitere Tatsache, dass keine der wissenschaftlich betreuten restaurierten Küchen in ihrem Originalzustand recherchiert und/oder wiederhergestellt werden konnte, erleichtert die Entscheidung, über den Umgang mit dem Detmolder Exemplar. Die erhaltenen und restaurierten ‚Frankfurter Küchen’, die in allen Fällen den Veränderungen vieler Nutzungsjahrzehnte ausgesetzt waren und zudem einem maßgeblichen Informationsdefizit bezüglich ihrer konkreten Beschaffenheit und des spezifischen Gebrauchs unterliegen, werden deshalb sämtliche jeweils als museale Repräsentanten ihres Konzepts und als ästhetisch pointierte Erfahrungsräume bearbeitet und präsentiert.


Da also auch die Detmolder Frankfurter Küche einerseits nicht wieder in ihre authentische Urform von 1928 zurückversetzt werden kann und andererseits über die Bedingungen ihrer jahrzehntelangen Nutzung und Veränderung ebenfalls nichts anderes bekannt ist, als das heutzutage vorliegende Resultat, gibt es nur zwei nachvollziehbare Wege, mit ihr umzugehen: entweder sie wird als überlebter Rest in ihrem inkompletten, baulich disparaten und verschmutzten Zustand konserviert und ist damit zu keiner sinnvollen Wirkung mehr in der Lage, oder sie erfährt eine Säuberung und wissenschaftlich basierte Teilrekonstruktion, sodass sie sowohl interessierte Laien als auch spezifisch Studierende über das Prinzip ‚Frankfurter Küche’ räumlich, funktional und atmosphärisch informieren kann.


Nachdem – im Sinne ihrer produktiven Inkorporation in die Designsammlung der Hochschule und des Lippischen Landesmuseums - die Entscheidung für eine restaurierende Rekonstruktion gefallen war, wurde diese jedoch mit einer Einschränkung versehen. Die Geschichte dieser Küche soll insofern nachvollziehbar bleiben, als sie nicht in einen, mindestens in Details ohnehin spekulativen ‚Original/ oder Urzustand’ rückversetzt wird. Ihre letzte Farbfassung und deren beschädigter Zustand wird erhalten, lediglich die Modernisierung der 1950er Jahre wird abgenommen und die damals entfernten Bauteile werden nachgebaut und wieder eingesetzt. Dort soll dann die als Originalfassung vermutete Lackierung gezeigt werden. Die Ergänzung der verloren gegangenen Ausstattungselemente erhebt nicht den Anspruch auf Authentizität. Sie dienen aber der Erfahrbarkeit der räumlichen  und ästhetischen Wirkung sowie des Nutzungsprozesses.




5. Restauratorische Untersuchung (Dipl.-Rest. Berenice Gührig)

 Befund September 2016:


Alle Oberflächen wurden untersucht, insbesondere im Hinblick auf den Erhaltungszustand der Originallinoleumflächen sowie die Abfolge der Farbschichten.



Schubladenschränkchen: verschmutztes Ausziehbrett und oben aufgeklebtes grünes Linoleum mit zusätzlichem Umleimer

(1950er Jahre)




Farbschichten und Grundierung von 1928 bis 1995 / andere Farbtöne weisen auf die Herkunft eines Schiebefensters aus einer anderen Küche hin.




6. Restauratorische Maßnahmen (Dipl.-Rest. Berenice Gührig)

- Oberflächensäuberung

- Entfernung der Veränderungen aus den 1950er Jahren: grüne Linoleumauflagen, Arbeitsplatte,   Klappenverschluss des Schüttenfachs, Aluminiumgriffe

- Restaurierung der schwarzen Originallinoleumplatten: Entfernung von Kleberesten, Kittungen,   Retuschen

      - Ermittlung der diversen Farbfassungen mit dem Ziel, den Originalanstrich identifizieren zu          können



Freilegung der oberen schwarzen Linoleumplatte des Schubladenschränkchens / Säuberung, Auskittung und Retusche der Original-Linoleumplatte





7. Rekonstruktion der Gesamtküche

- Konstruktive Sicherung/Ergänzung: Spülenunterschrank, oberer Abschluss des sogenannten   Schuhputzschränkchens

- Ersatz einiger Bauteile durch materialgerechten Nachbau: Griffe, Arbeitsbrett, ausziehbare   Arbeitsplatte mit Einlage aus schwarzem Tischlinoleum, Ablaufbrett, Tellertrocknungsregal (für   diese Häuserzeile allerdings nicht nachgewiesen), Topfleisten und Auflageleisten im Topfschrank,   zwei Holzschübe für Mehl (Kiefer) und Zucker (Eiche), linke Umleimerleiste des   Schubladenschränkchens  

- Anstrich einiger Außenleisten und der Griffe mit einem annäherungsweise als ersten   Farbanstrich ermittelten altweißen Farbton.

- Ankauf fehlender Elemente:

  1. Aluminium-Schütten, 11 Stück, Hersteller: Otto Haarer, Hanau, 1926/28

     (der erhaltene Schüttensatz stammt aus einer anderen Küche/Bauphase)

  2. Drehhocker, Dreibein-Stahlgestell, runder Holzsitz, Gestell altweiß lackiert, 1920/30er Jahre

  3. AEG-Küchenherd, 4 Bleche, 1920/30er Jahre

  4. Pendelleuchte, weiße Opalglaskugel, Aluminium-Aufhängung, Fassung mit Keramikring,       1930er Jahre

  5. Mischbatterie Wandarmatur mit Schwenkauslauf und vernickelten Rosetten, 1920er Jahre

       6. Heizkörper, 1920er Jahre, maßgefertigt (auf 5 Rippen verkürzt) mit Ventil und Regulierscheibe

Nachbau: Ablaufbrett und Tellerregal in Buche, Rekonstruktion: Mischbatterie (1920er Jahre)




Nachbau: Holzschuber in Eiche (links) für Mehl und in Kiefer für Salz


Restaurierung: Linoleumoberflächen, Nachbau: Arbeitsplatte in Buche, Innengliederung Besteck-Schublade in Kiefer, Linke Randleiste der Abdeckplatte in Eiche, Rekonstruktion: Heizkörper und Hocker (1920er/30er Jahre)


 © Hochschule Ostwestfalen- Lippe

Vorläufige Installation der ‚Frankfurter Küche’ in einer ‚Raumlabor’-Kiste des Fachbereichs 1, April 2016

Temporärer Einbau im Raumlabor

Endgültige Installation im Gebäude 2 am Campus Detmold der Hochschule Ostwestfalen-Lippe